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Biblische Begriffe (5): DIE GOTTESFURCHT

„Gott fürchten“ heißt im Hebräischen nicht, „Furcht haben vor Gott“, sondern „Gott nachfolgen, (ehren, anbeten)“.

Luther macht in seiner Übersetzung eine feinsinnige, aber wichtige Unterscheidung: „Gott fürchten“ und „sich vor Gott fürchten“.

„Sich vor Gott fürchten“, kann tatsächlich bedeuten, dass man Furcht hat vor Gott:
„Zitternd werden sie hervorkommen aus ihren Burgen; zu Jahwe, unserem Gott, werden sie sich bebend wenden und vor dir sich fürchten.“ (Micha 7,17)

„Gott fürchten“ dagegen bedeutet immer, Gott nachfolgen: „Ich bin ein Hebräer, ich fürchte Jahwe, den Gott des Himmels, der das Meer und das trockene Land gemacht hat“ (Jona 1,9) sagt Jona und meint: „Ich bin ein Jude, mein Gott ist Jahwe.“

In 2. Könige 17,25ff. wird dieser Gebrauch des Begriffs „Gottesfurcht“ sehr anschaulich. Nachdem die Assyrer die geistige Elite Samariens deportiert hatte, siedelten sie (neben den verbliebenen Samaritanern) fünf andere Volksstämme in Samarien an, die Jahwe nicht kannten:
„Und es geschah, als sie anfingen dort zu wohnen, fürchteten sie den Herrn nicht. Da sandte Jahwe Löwen unter sie, die unter ihnen mordeten“ (2. Kö. 17,25). In der Folge schickten die Assyrer einige der deportierten Priester zurück nach Samarien „um sie zu lehren, wie man Jahwe fürchten soll“ (2. Kö. 17,28). Weiter heißt es: „So fürchteten sie den Herrn und dienten zugleich ihren Göttern entsprechend dem Brauch ihrer Volkszugehörigkeit“ (2. Kö. 17,33). Hier wird unter „Jahwe fürchten“ die Wiedereinführung des jüdischen Kultus und der jüdischen Gebote verstanden:
„Ihr sollt nicht andere Götter fürchten und euch vor ihnen niederwerfen und sollt ihnen nicht dienen und ihnen nicht opfern, sondern Jahwe … sollt ihr fürchten, vor ihm sollt ihr euch niederwerfen und ihm opfern“ (2. Kö. 17,35-36).

Die wörtliche Übersetzung „Gott fürchten“ führt zu merkwürdigen Formulierungen:
„Da sagte Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht! Denn nur um euch zu prüfen ist Gott gekommen, damit die Furcht vor ihm euch vor Augen sei, damit ihr nicht sündigt“ (2. Mo. 20,20).
Soll sich nun das Volk fürchten oder nicht? Es soll sich nicht fürchten, Gott prüft vielmehr die Ernsthaftigkeit ihrer Nachfolge.

Dass die „Furcht des Herrn“ kein Gefühl ist, sondern der Weg der Nachfolge, wird an folgendem Beispiel deutlich:
„Kommt ihr Söhne, hört mir zu: die Furcht Jahwes will ich euch lehren“ (Ps. 34,12). Ein Gefühl (der Furcht) kann man nicht lernen, wohl aber den Weg der Nachfolge.

Das folgende Psalmwort zielt in dieselbe Richtung: „Die Furcht Jahwes ist der Weisheit Anfang: eine gute Einsicht für alle, die sie ausüben“ (Ps. 111,10). Wie kann man „die Furcht Jahwes“ ausüben? Dagegen kann man den Weg der Nachfolge sehr wohl ausüben.

In Sprüche 1,29-31 heißt es: „ Weil sie Erkenntnis gehasst und die Furcht Jahwes nicht erwählt haben, meinen Rat nicht gewollt haben … sollen sie essen von der Frucht ihres Weges, von ihren Ratschlägen sich sättigen.“ Wer würde schon Furcht erwählen? Ersetzt man „Furcht Jahwes“ mit „Nachfolge Jahwes“, wird der Sinn sofort deutlich.

Ein weiteres schönes Beispiel für die Problematik einer wörtlichen Übersetzung: „… und die Männer fürchteten Jahwe mit großer Furcht und sie brachten Jahwe Schlachtopfer dar und gelobten ihm Gelübte" (Jona 1,16). "... fürchteten Jahwe mit großer Furcht" klingt wie eine Tautologie ("ein weißer Schimmel"). Gemeint ist aber: Sie verehrten ihm mit großer Furcht (weil sie als Heiden plötzlich Gottes Größe erkannten).

Zur Zeit Jesu hatte sich der Begriff "Gottesfürchtige" noch mehr verselbständigt. Er taucht mehrmals im Neuen Testament auf und bezeichnet hier eine genau definierte Gruppe, nämlich Heiden, die den Geboten Jahwes folgten, aber nicht beschnitten waren (beschnittene Heiden nannte man "Proselyten"): "... und er kam in das Haus eines Gottesfürchtigen namens Titus Justus..." (Ag. 18,7). Es geht nicht um irgendwelche fromme Menschen, sondern um eine "Freundeskreis" der Juden unter den Heiden:
"Paulus sprach: Männer von Israel und ihr Gottesfürchtigen, hört ... ihr Söhne des Geschlechts Abrahams und ihr Gottesfürchtigen, uns ist das Wort dieses Heils gesandt" (Ag. 13,16-26).

Das Neue Testament macht in besonderer Weise deutlich, dass mit der "Furcht Gottes" nicht die Furcht vor Gott gemeint ist, sondern Nachfolge, Anbetung (und damit übrigens auch weit mehr als im deutschen Begriff "Ehrfurcht" enthalten ist). Immer wenn jemand die Erfahrung macht (was ja tatsächlich höchst erschreckend sein kann), sagt Gott (oder sein Engel): "Fürchte dich nicht!" So z. B. zu Maria (Lk. 1, 30) oder den Hirten (Lk. 2,10) (vgl. auch Mk. 5,36 oder Lk. 5,10). Besonders schön ausgedrückt finden wir den Gedanken im 1. Johannesbrief: "Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn Furcht hat mit Strafe zu tun. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollendet in der Liebe" (1. Jh. 4,18).

Unser Verhältnis zu Gott ist nicht geprägt von Furcht (wie es ein königlicher Untertan vielleicht mit Recht empfindet, vielmehr ist Gott unser liebender Vater (auch das natürlich ein "Bild"): "Denn alle, die durch den Geist Gottes geleitet werden, sind Söhne Gottes ... Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wieder zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!" (Rö. 8,14f.)

"Abba" ist das aramäische Wort für "Papa". Wir sollen mit Gott also in ein vertrautes, angstfreies, liebendes Verhältnis treten Vgl. Ps. 103,13: "Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über jene, die ihn fürchten."

Auch das Neue Testament benutzt die Ausdrucksweise "Furcht Gottes" im Sinn "'Nachfolge Gottes": "So hatte denn die Gemeinde ... Frieden und wurde erbaut und wandelte in der Furcht des Herrn" (Ag. 9,31). -- "Da wir nun diese Verheißungen haben, Geliebte, so wollen wir ... die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes" (2. Kor. 7,1).

Ein letzter Gedanke: Die hebräische Sprache und das hebräische Denken sind gekennzeichnet von Aktivität. Sie sind dynamisch und nicht statisch. Sie kennen kein "Sein", sondern immer nur ein Werden. (Vgl. meine Gedanken zu dem Begriff "Liebe": Dort sahen wir, dass dieses Wort besser mit "Zuwendung" übersetzt wird, also mit einem aktiven Tun, nicht mit einem passiven Sein.) In diesem Sinn ist auch Furcht Gottes/Nachfolge Gottes kein Zustand, sondern Aktivität. Das machen die Verben ("Tätigkeitswörter"!) deutlich, die mit dem Begriff "Gott fürchten" verbunden werden:

Gott fürchten/ihm nachfolgen heißt (u.a.)
- Freunden treu bleiben (Hiob 6,14)
- Weisheit lernen (Ps. 34,12)
- länger leben (Sprüche 10,27)
- fair urteilen (Jes. 11,2)
- mit Gottes Geist rechnen (Jes. 32,40)
- Gottes Weisungen halten (1. Mo. 13,5)
- vor Freude singen (Ps. 40,3)
- Gottes Autorität anerkennen (Prediger 3,14)
- für die Familie sorgen (1. Tim. 5,4)
- genügsam leben (1. Tim. 6,5)
- Almosen geben (spenden) Ag. 10,2)
- Gottes Willen tun (Jh. 9,31)
- sich gegenseitig unterordnen (Eph. 5,21)
 

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