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Die Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-11)


1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.
2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.
3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
4 Jesus spricht zu ihr: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.
6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße
7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.
8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm.
9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam - die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam
10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.
11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.



VORBEMERKUNG

Die „Hochzeit zu Kana“ ist „im wörtlichen“ Sinn keine historische Begebenheit. Sie kleidet vielmehr eine Botschaft in ein Bild: nämlich die Erfüllung des Gesetzes durch Christus (vgl. Mt. 5,17: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen.“) Jesus möchte mit seiner Botschaft den jüdischen Glauben nicht außer Kraft setzen, sondern ihm im Gegenteil zu neuer Geltung verhelfen. Hinter aller Frömmelei und Heuchelei und Gesetzesreiterei erkennt Jesus (in der Tradition von Rabbi Hillel und auch in der Nachfolge Johannes des Täufers (vgl. meine Gedanken zur Taufe Jesu) die befreiende Kraft des jüdischen Jahweglaubens. Seine Auslegungsmaxime kulminiert in der Aussage „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk.2, 27) In der Bergpredigt wird diese konsequente Sichtweise zusammengefasst (Mt. 5-7): Es geht darum, den Sinn der Weisungen Gottes zu erfassen und zu verinnerlichen. Wer einmal die Barmherzigkeit Gottes verstanden hat, wird immer die zweite Meile mitgehen (Mt. 5,41), wird immer die andere Wange hinhalten (Mt. 5,39), wird selbst seinen Feinden Lebensrecht und Menschenwürde zugestehen (Mt. 5,44-45). Jesus ruft uns auf, die Weisungen Gottes mit Leben und Empathie zu füllen und ihnen so ihre wahre Geltung zu verschaffen. Seine Einladung kulminiert in dem Satz: „Seid vollkommen wie Gott“ (Mt. 5,48), seid wahrhaft seine Kinder, nehmt euch euren himmlischen Vater zum Vorbild.

Für Jesu Jünger war diese Sicht eine Offenbarung. Sie erkannten darin so sehr das Reden Gottes, dass sie in Jesus seinen „eingeborenen Sohn“, seinen Messias sahen: „Er offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.“ (Jh. 2,11) Für sie hatte er das Wasser ihres hergebrachten Glaubens in den Wein verwandelt, der einem kommenden messianischen Zeitalter vorausgesagt war. Für sie war diese Zeit mit Jesu Kommen angebrochen. Davon handelt die Allegorie („Bildgeschichte“) von der Hochzeit zu Kana.

Wer dieses Weinwunder „wörtlich“ verstehen möchte, wird mit einigen nicht leicht zu beantwortenden Fragen konfrontiert:
– Ausgerechnet das erste von Johannes berichtete „Wunder“ (Johannes spricht übrigens nie von „Wundern“, sondern immer von „Zeichen“) wäre ein ausgesprochenes „Luxuswunder“. Niemand ist krank oder in ernsthafter Not. Es wäre ein Zauberkunststück: „Seht her, was ich kann. Selbst Wasser in Wein zu verwandeln ist mir ein Leichtes!“
– Welchen Sinn hätte es, für den Rest eines privaten Festes eine Fülle von 500-700 Liter Wein zu schaffen? Denn das wäre die im Text angegebene Menge von „2 oder 3 Maße“.
– Diese riesige Menge wäre in Tonkrügen nicht zu lagern. Sie würde in kürzester Zeit schlecht werden. Größere Mengen wurden in Weinschläuchen konserviert.
– Warum weist Jesus seine Mutter so schroff ab und macht scheinbar doch auf dem Absatz kehrt und erfüllt ihr ihren Wunsch? (Oder wartet er eine Stunde oder zwei („Meine Stunde ist noch nicht gekommen“)? Aber warum?)
– Warum glauben nur seine Jünger an ihn? Der Bräutigam – und noch viel mehr der Speisemeister und die Diener – hätten allen Grund, an seine Herrlichkeit zu glauben.

Nun die allegorische Deutung. Sie ist nicht als nachträglicher Erklärungsversuch zu verstehen, sondern als ursprüngliche, so vom Autor gemeinte Aussage.

Die Ortsangabe „Kana“ bezieht sich noch auf das vorherige Kapitel, das von ersten Jüngern Jesu berichtet. Zu ihnen gehört Nathanael aus Kana (Jh. 21,2). Ihm prophezeit Jesu: „Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn“ (Jh. 1,51). Genau das (nämlich die unmittelbare Verbundenheit mit dem Vater) ist Inhalt des Weinwunders.

Auch die Zeitangaben sollen uns helfen, die Allegorie zu entschlüsseln. „Am dritten Tag“ erinnert natürlich sofort und zu Recht an die Auferstehung. Zunächst einmal beschreibt der dritte Tag ganz allgemein „in biblischer und außerbiblischer Literatur häufig den Zeitraum, nachdem eine glückliche Wende eintritt“ (Wucherpfennig 2004, S. 321-338). So heißt es in Hosea 6,1-2:
1 »Kommt, wir wollen wieder zum HERRN; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen, er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.
2 Er macht uns lebendig nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tage aufrichten, dass wir vor ihm leben werden.«
Auch hier ist die Parallele zur Auferstehung Jesu „am dritten Tag“ offensichtlich (vgl. auch Lk. 2,46 oder Ag. 9,9). Die „glückliche Wende“ (s.o.) tritt ein mit der „Verherrlichung Jesu“, mit seiner Auferstehung, mit dem Offenbarwerden des messianischen Zeitalters.

Das messianische Zeitalter taucht in unserer Geschichte an weiteren zentralen Stellen auf. Da ist zunächst das Bild von der Hochzeit – ein traditionelles Symbol für den Bund Gottes mit seinem Volk Israel. Jahwe ist der Bräutigam, Israel seine Braut (vgl. Jes. 62,5; Joel 2,16). Der Bund besteht seit Abraham, seit Mose, würde aber, nach jüdischer Vorstellung, mit dem Kommen des Messias erneuert werden.

Auch die Reinigungskrüge (V. 6) deuten auf das messianische Zeitalter hin. Es sind sechs Krüge, das Symbol der Unvollkommenheit: Sechs Tage schuf Gott, am siebten ruhte er. Mit diesem siebten Tag verbindet sich für Israel das kommende Zeitalter des Messias – der messianische Sabbat.

„Am dritten Tag“ heißt also: Diese messianische Zeit ist angebrochen. Es ist Zeit, Hochzeit zu feiern. Und was wäre eine Hochzeit ohne Wein? „Wein“ ist im ganzen Alten Testament ein symbolträchtiges Wort. Es ist das Symbol des Messias (1 Mo. 49,11), ein Symbol des messianischen Freudenmahls (Jes. 25,6). Nicht ohne Grund wird Jesus im Neuen Testament mit dem Weinstock verglichen und Gott selber mit dem Besitzer des Weinbergs.

Und nun: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Das Fest mit Gott kommt zum Erliegen. Diese Feststellung bezieht sich im weiteren Sinn auf das gesamte Volk Israel zur Zeit Jesu. Mangelnder Glaube, mangelnde Ernsthaftigkeit in der Nachfolge werden sowohl von Johannes dem Täufer als auch von Jesus immer wieder beklagt. Im engeren Sinn bezieht sich die Feststellung „Sie haben keinen Wein mehr“ auf die Situation der Jünger nach Jesu Kreuzigung. Sie, die glaubten, dass sich Jesus endlich als Messias offenbaren würde – sie, die mit Jesus bereits die messianische Zeit zu feiern glaubten (Mt. 9, 15; Jh. 3,29) wurden jäh aus ihren Träumen gerissen. Jesu Tod passte nicht in ihre Erwartungshaltung. Ernüchterung machte sich breit. „Sie haben keinen Wein mehr.“

„Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (V. 4): Es gibt im Johannesevangelium zu dieser Situation eine erhellende Parallele. In Jh. 7 drängen Jesu Brüder ihn, zum Laubhüttenfest mit ihnen nach Jerusalem zu gehen und seinen messianischen Anspruch öffentlich zu machen: „Willst du öffentlich etwas gelten, so offenbare dich vor der Welt.“ (Jh. 7,4) Jesus antwortet ihnen: „Meine Zeit ist noch nicht da“ (V. 6). Wenig später geht er allerdings doch und macht (nach Johannes) seinen Anspruch als Messias öffentlich (V. 28). Und wieder heißt es „Niemand legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen“ (V. 30).

Marias unausgesprochene Erwartung hinter dem Satz „Sie haben keinen Wein mehr“ ist natürlich: „Wenn du der Messias bist, hast du Wein die Fülle.“ Und Jesus antwortet ihr „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“

Im Garten Gethsemane, unmittelbar vor seiner Verhaftung und bevorstehenden Kreuzigung, sagt Jesus: „Meine Stunde ist gekommen“ (Mk. 14,41). Der Wein geht zur Neige. Jesus wird gekreuzigt und zu Grabe getragen. Er hinterlässt eine tief verunsicherte Jüngerschaft: „Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist“ (Lk. 24,21).

Nun kommen die Wasserkrüge ins Spiel. Es sind rituelle Reinigungskrüge („für die Reinigung nach jüdischer Sitte“, V. 6). Sie symbolisieren das „Gesetz“, die Weisungen des „alten“ Bundes. Auch sie sind leer: Das „Gesetz“ hat seinen lebensspendenden Inhalt verloren (vgl. Vorbemerkung). Bemerkenswert: Jesus füllt die leeren Krüge nicht mit Wein. Vielmehr lässt er die Diener sie mit Wasser füllen. Der Wein entsteht nicht aus dem Nichts. Er entsteht aus dem Wasser, das verwandelt wird. (Verwandlung = „Transsubstitution“ – vgl. das Abendmahl, in welchem Brot und Wein in Jesu Leib und Blut „verwandelt“ wird). Jesus wandelt das Wasser in Wein. Der neue messianische Bund entsteht aus den Weisungen, dem „Gesetz“ des alten Bundes (Jer. 31,31 – vgl. das gesamte Kapitel 31!). „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (vgl. Vorbemerkung).

Warum aber so viel Wein? Sechs Krüge à 2-3 Maß sind (s.o.) weit mehr als die Hochzeitsgesellschaft zu trinken vermag. Den Schlüssel finden wir in Jh. 10,10b: „Ich bin gekommen, dass sie Leben haben in Fülle.“ Jesus Christus bringt uns ein „Leben in Fülle“, ein „gerüttelt Maß“, Segen im Überfluss – das ist die Botschaft hinter dem Satz „und sie füllten ihn bis obenan“ (V. 8).

Könnte Jesu Botschaft gegenüber der Botschaft der Pharisäer und Schriftgelehrten minderwertig sein? Diese Frage wird durch die Einführung des Speisemeisters beantwortet (V. 8-10). Für ihn ist es eine „Blindverkostung“, während die Diener genau wussten, woher der Wein kam (V. 9). Das Urteil des Speisemeisters: Der Wein ist besser als der bisherige. Die lückenlose Mitwirkung der Diener (Befüllen der Krüge mit Wasser, Schöpfen und Transport zum Speisemeister) stellt sicher, dass es wirklich Jesus ist, von dem der gute Wein stammt. Er allein ist der „Transformator“, in ihm allein kommt Gottes Wort zur Erfüllung.

Wofür steht der Speisemeister? Wer wäre, in unserem Bild gesprochen, in der Lage, die Botschaft Jesu „fachmännisch“ zu beurteilen? Die Pharisäer? Die Priester? Vielleicht gibt es eine Parallele zwischen dem Satz „Schöpft nun und bringt es dem Speisemeister“ und der Aufforderung Jesu an den von ihm geheilten (Mt. 8,4): „Geh, zeige dich dem Priester.“ Seine Aufgabe war es, die Heilung zu beurteilen und zu bestätigen. Die Aufgabe des Speisemeisters war es, den Wein zu beurteilen und seine Qualität zu bestätigen. Immerhin: Das Neue Testament berichtet an mehreren Stellen von Pharisäern und von Priestern, die Jesus als Messias annahmen (Nikodemus, Paulus, vgl. auch Ag. 6,7!). Auch ihre Frage an Gott könnte gewesen sein: Herr, warum hast du dein gutes Wort in Christus so lange zurückgehalten? Warum mussten wir so lange auf den Messias warten?

Aber nun können die Jünger Jesu wieder feiern. Ihr Herr ist auferstanden. Das Gesetz ist erfüllt. Das Wasser wurde zu Wein. Christus offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn (vgl. Jh. 17,8!). Das messianische Zeitalter ist endgültig angebrochen.
 

 

 

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