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Selbstbewusstsein und Demut: Warum wir beides brauchen

 

„Soll man Kinder zur Demut erziehen? Schadet das nicht ihrem Selbstbewusstsein?“ Diese Frage einer jungen Mutter las ich in einem Gesprächsforum im Internet. Es folgte ein angeregter Meinungsaustausch. „Demut – willst  du das im Ernst für dein Kind?“ Eine andere Stimme: „Man sollte Kinder zu selbstbewussten Menschen erziehen, aber darauf achten, dass sie keine Egoisten werden.“ Oder: „Das Ideal der Demut ist längst überholt. Kinder brauchen Rückgrat, um sich durchsetzen zu können.“ – Aber auch: „Demut ist wichtig, es ist Dankbarkeit und Respekt vor dem Leben.“

 Ich bin mir nicht sicher, ob die Fragestellerin die hin und her wogende Diskussion hilfreich fand. Mir jedenfalls ist klar: Wir brauchen beides – Demut und Selbstbewusstsein.

 Es war der griechische Philosoph Aristoteles, der zum ersten Mal das Prinzip der „Schwestertugenden“ formulierte. Jede Tugend stehe in der Gefahr, durch Übertreibung zur Untugend zu werden. Sparsamkeit ist eine Tugend, zuviel davon ist Geiz. Jede Tugend benötigt deshalb ein positives Gegengewicht, ein Korrektiv. Die positive Schwestertugend der Sparsamkeit ist die Freigebigkeit. Zuviel Freigebigkeit wird auch zur Untugend, nämlich zur Verschwendungssucht. Erst in der Balance zwischen Sparsamkeit und Freigebigkeit, im „gesunden Maß“ würde Aristoteles sagen, entfalten sich die Tugenden. Wer links oder rechts vom Pferd fällt, landet bei der Untugend Geiz oder der Untugend Verschwendungssucht.

 Im selben Sinne sind Selbstbewusstsein und Demut gegensätzliche, aber positive Schwestertugenden. Ohne Demut steht das Selbstbewusstsein in der Gefahr, zu Hochmut oder Arroganz zu werden. Ohne Selbstbewusstsein wird aus einem demütigen Menschen ein unterwürfiger, würdeloser Mensch.

  

Das Konzept der Schwestertugenden hat der deutsche Philosoph Paul Helwig neu aufgegriffen. Der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz v. Thun schließlich machte es unter dem Schlagwort „Das Wertequadrat“ populär. Es ist ein Konzept, das wir (wenn auch nicht unter diesem Namen) bereits in der Bibel wieder finden. Von vielen biblischen Personen wird berichtet, dass sie ein Gleichgewicht herzustellen versuchten zwischen Selbstbewusstsein und Demut. Hiob wäre hier zu nennen, oder David oder Josef.

 Ein besonders eindrückliches Beispiel ist der Apostel Paulus. Er kann sehr selbstbewusst sagen: „Ich meine doch, ich sei nicht weniger als die ‚Überapostel’. Und wenn ich schon ungeschickt bin in der Rede, so bin ich's doch nicht in der Erkenntnis.“ (2. Kor 11,5-6) Andererseits schreibt er wenige Verse später demutsvoll: „…für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen,  außer meiner Schwachheit.“ (2. Kor. 12,5). Um gleich wieder (selbstbewusst und demutsvoll) fortzufahren: „Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.“ (2. Kor 12,6)

 Bei näherem Hinschauen entdecken wir, dass sowohl die Selbstsicherheit als auch die Demut von Paulus aus seiner Gotteserfahrung erwachsen. Er war dem lebendigen Herrn begegnet. Sein Stolz zerschlug sich im Lichte Gottes. Von Blindheit geschlagen erkannte er seine Begrenztheit und Sündhaftigkeit. Aber Gott hatte Großes mit ihm vor: „Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ ( 2. Kor. 12,9)

 Die Einsicht in die Größe Gottes und in unsere eigene Begrenztheit und Sündhaftigkeit bewirken Demut: „Wer ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ (Ps. 8,5) Die Einsicht in Gottes Gnade, in unsere Gotteskindschaft und unsere aus Gott gewirkte Kraft bewirken Selbstbewusstsein: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (Ps. 8,6)

 Jesus selber ist unser Vorbild: „…lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ (Mt 11,29) Ein eindrückliches Zeichen seiner Demut hat Jesus in der Fußwaschung (Jh. 13) gesetzt. Andererseits kann Jesus in aller Demut, aber auch sehr selbstbewusst sagen: „Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er tut, und wird ihm noch größere Werke zeigen, so dass ihr euch verwundern werdet.“ (Jh. 5,20) Wieder finden wir Demut und Selbstbewusstsein in gesunder Waage.

 Wie alle Tugenden, sind Demut und Selbstbewusstsein erlernbare menschliche Grundhaltungen. Das griechische Wort „tapeinophrosyne“, das Luther mit Demut übersetzt, heißt wörtlich etwa „nicht hoch von sich denken“. Demut ist also die Bereitschaft, sich nicht bedienen zu lassen, sich nicht über den anderen zu erheben. „Ich bin mir nicht zu schade…“ – unter diesem Vorzeichen steht  die Demut. Ich bin mir nicht zu schade, die extra Meile zu gehen…, dem Feind die Hand zu reichen…, mich zum Wohle des anderen zu engagieren. Gerade das ehrenamtliche Engagement in unserem Allgemeinwesen, im Verein oder in der Gemeinde kann ein Ausdruck  von Demut sein – vorausgesetzt ich missbrauche es nicht für meine eigene Profilierung.

 Damit aber aus dem Gedanken „Ich bin mir nicht zu schade…“ auch tatsächlich etwas Wirkungsvolles entstehen kann, benötigen wir Zuversicht und gesundes Selbstbewusstsein. „Wie soll uns Gott gebrauchen, wenn wir denken, dass wir zu kaum etwas nütze sind, weil wir scheinbar so wenig können und so wenig wertvoll sind?“ (B. Carstens)

 Um Selbstbewusstsein und Demut in ein gutes Gleichgewicht zu bekommen, schauen wir auf unsere Grundpräferenz. Leiden wir eher unter mangelndem Selbstwertgefühl? Dann arbeiten wir daran, selbstbewusster zu werden. Wir nehmen uns vielleicht Zeit, die Verheißungen Gottes, die uns gelten,  wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Er liebt uns und möchte, dass wir uns auch selber lieben. Je weniger Anerkennung und Geborgenheit wir in unserer Kindheit bekommen haben, desto schwerer wird es uns fallen, uns selbst zu lieben. Aber wenn wir uns gering schätzen, dann schätzen wir unseren Schöpfer gering. Von Antje Sabine Naegeli stammt der schöne Satz: „Im Vertrauen darauf, dass Gott mich mag, habe ich beschlossen, mich auch zu mögen!“

 Vielleicht haben wir aber auch ein übersteigertes Selbstbewusstsein und werden von anderen als arrogant oder überheblich wahrgenommen? Dann arbeiten wir daran, demütiger zu werden. Wir machen uns Gottes Größe bewusst und wir machen uns bewusst, was es heißt, Ehrfurcht vor ihm und seiner Schöpfung zu haben. Und wir verwenden einen großen Teil unseres Gebetes auf das Danken. Im Danken erkennen wir nämlich beides: unsere Grenzen, die uns Demut lehren, und Gottes Segen für uns, der uns vertrauensvoll selbstbewusst macht.

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