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Die Trinität – eine Verstehenshilfe

Die Lehre der Trinität ist nicht vom Himmel gefallen. Sie hat sich – ganz im Gegenteil – über einen längeren kirchengeschichtlichen Zeitraum entwickelt. Hier versuche ich, das Anliegen, das hinter dieser Lehre steht, durch ein Gleichnis zu veranschaulichen. Wir brauchen dazu die Sonne, die Erde und eine der Zahl der Menschen entsprechende Anzahl von Spiegeln.

Die Sonne steht für Gott. Sie ist so hell, dass man ihr nicht ins Auge sehen kann. Sie erleuchtet die ganze Welt. Sie ist allgegenwärtig. Sie wird als segensreich, aber auch als schrecklich erfahren. Segensreich ist sie, weil ihr Licht dem Menschen hilft, sich zurechtzufinden und weil ihre Wärme wohl tut. Licht und Wärme sind die Voraussetzungen für Leben und Nahrung. Die scheinbare Abwesenheit der Sonne bereitet uns Sorgen. Sie verbirgt sich hinter den Wolken und des Nachts hinter der Erde. Entfernt sie sich zu weit, wird es nicht nur dunkel, sondern auch bitterkalt. Scheint sie umgekehrt zu stark, verbrennt sie das Leben und lässt alles vertrocknen. Die Sonne ist also eine Leben spendende, aber auch eine Leben zerstörende Macht. So sieht die Bibel auch Gott: Er wird als an- und abwesend erfahren, als segensreich und schrecklich.

Die von der Sonne ausgehenden Strahlen und ihre Wärme stehen für Gottes Geist. Die Wärme, die der Mensch auf seiner Haut spürt, wird einerseits als von der Sonne losgelöstes Phänomen verstanden: „Wärme“ und „Sonne“ sind zweierlei. Hier auf der Haut ist die Wärme. Dort am Himmel steht die Sonne, von der die Wärme ausgegangen ist. – Andererseits verstehen wir, dass die Wärme mit der Sonne identisch ist. Das, was wir auf der Haut spüren, „ist“ Sonne. Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Haut und Sonne: Die Lichtstrahlen sind „Sonne von Sonne“, „Wärme von Wärme“, „Licht von Licht“. So versteht die Bibel Gottes Geist: Er geht aus von Gott und „wohnt“ in der Schöpfung, besonders im Menschen („besonders“ deshalb, weil sich der Mensch diesen Zusammenhang bewusst machen kann). Die Sonne ist also viel größer als wir denken. Sie ist nicht nur die am Himmel sichtbare Kugel, sondern (durch ihre Strahlung) eine gigantisch größere Kugel, die als kleinen Teil ihrer Wirkung auch die Erde und ihr Leben umhüllt. Ebenso ist Gott größer als wir denken. Er ist nicht nur der ferne, dem man nicht ins Auge sehen kann, er ist gleichzeitig der nahe, der in uns und um uns durch seinen Geist erfahrbar wird – selbst dann, wenn es Nacht ist und wir Gott „scheinbar“ nicht mehr sehen und seine Wärme weniger spüren.

Also: Gott und sein Geist – getrennt erfahrbar, in Wirklichkeit nicht nur eine Einheit, sondern identisch, „Gott von Gott“.

Der Mensch in unserem Gleichnis ist ein Spiegel. Der Sonne zugewandt und entsprechend ausgerichtet, reflektiert er die Sonne, wird zum Abbild der Sonne. Der Spiegel kann Wärme nicht nur aufnehmen, sondern auch wiedergeben. Als Hohlspiegel ist er sogar in der Lage, ein Feuer zu entfachen. Er hat das Potential, Gott zu beherbergen. Von der Sonne abgewandt bleibt der Spiegel eher kalt und wird nicht als Abbild der Sonne wahrgenommen. Er kann aber vielleicht alles mögliche Andere abbilden. Ist er verschmutzt, bleibt er dunkel und bildet gar nichts mehr ab. Er ist seines eigentlichen Wesens beraubt. – Der Mensch ist in unserem Vergleich von seiner Konstruktion her („von Natur aus“) in der Lage, Abbild Gottes zu sein. Er kann Gott widerspiegeln, er kann „sein wie Gott“. In der falschen Haltung zu Gott hat er wenig „Wärme“, wenig von Gottes Geist. Sünde, als die bewusste Abwendung von Gott, wirkt wie ein Schmutzfilm auf dem Spiegel. In der Gottesferne fehlt dem Menschen Gottes Geist. Er ist seinen Mitmenschen gegenüber kein Licht mehr, kein Vor-Bild. Er ist dann kein „Spiegel“ mehr, nicht mehr das, was er seiner Konstruktion nach sein sollte. Er verfehlt seine Bestimmung.

Nun haben wir alle Elemente, um das Wesen Jesu Christi in den Begriffen unseres Gleichnisses zu beschreiben: Er ist gleichzeitig die uns zugewandte Seite der Sonne sowie ihr makelloses Abbild im Spiegel.

Die Unterscheidung „Sonne“ und „uns zugewandte Seite der Sonne“ hilft uns, „Gott“ und „Christus“ zu unterscheiden, obwohl sie „eins“ sind. Der Natur nach unterscheidet sich Christus nicht von Gott, so wie sich die uns zugewandte Seite der Sonne nicht von der Sonne unterscheidet. Es ist eine funktionale Unterscheidung, keine Wesensunterscheidung: Wir nehmen die Sonne zweidimensional, nämlich als Scheibe wahr. Uns fehlen der Blick für die „Tiefe“ der Sonne und auch der Blick für ihre wahre, gigantische Ausdehnung (s.o.). Ebenso können wir Gott nur in der Begrenzung unserer Sinne und unseres Verstandes wahrnehmen. Die uns zugewandte Seite Gottes („Gottes JA zum Menschen“) sehen wir in Christus.

Als Mensch wird Jesus mit einem Spiegel verglichen, als ein total auf Gott ausgerichteter, verzerrungsfreier, sauberer Spiegel, der Gott in einer Weise reflektiert, die die Menschen erstaunt und begeistert. Sie spürten die Wärme, die von ihm ausging, sie wurden von seinem Licht nahezu geblendet. Sie waren sich bewusst, dass diese Wärme und dieses Licht Gott selber war.

Diese Wirkung war umso eindrücklicher, als sie selber Gott kaum noch reflektierten, ihn weitgehend aus den Augen verloren hatten. Sie bildeten als „Spiegel“ nicht mehr die Sonne ab, sondern „gemalte Bilder“ der Sonne. Es sah aus wie die Sonne, aber von den selbstgemalten Bildern gingen keine Wärme und kein Licht aus. Es waren Sonnen, wie sie sich der menschliche Geist ausdachte – kunstvoll, bewunderungswürdig, aber eben nicht real, nicht das Original. Die „Spiegel“ vergaßen ihren Auftrag und ihre Bestimmung, begnügten sich mit dem Geschaffenen anstatt den Schöpfer auf die Erde zu bringen.

Die Bibel berichtet, dass Menschen, die stolz waren auf die „Papiersonnen“, die sie reflektierten, Jesus als Bedrohung empfanden. Im Gegensatz zu ihren kraftlosen Reflektionen reflektierte Jesus die wahre Sonne voll Licht, Kraft und Wärme. Er war ganz Mensch, insofern er ein Spiegel war. Er war ganz Gott, insofern er die reale Sonne war. Die Lichtstrahlen der realen Sonne gingen von ihm aus. Wer ihn sah, sah die Sonne. Der Spiegel trat hinter dem, was er reflektierte, zurück. Jesus der Mensch trat hinter dem Vater, den er verkörperte, zurück. Das Volk „entsetzte sich“ über die Vollmacht, die von Jesus ausging. Das Establishment sah seine Macht gefährdet und beschloss, Jesus zu töten. Sein Körper wurde gebrochen. Der Spiegel zerbrach in Stücke.

Damit schien es wieder vorbei zu sein mit Gottes Gegenwart auf Erden. Ein Scherbenhaufen war zurückgeblieben, der keinen Sonnenglanz mehr wiedergeben konnte. Die „Spiegel“ der Jünger waren in der Nachfolge Jesu „sauberer“, klarer geworden. Aber sie hatten sich auf Jesus ausgerichtet und auf den Christus, den er reflektierte. Davon war nun nichts mehr zu sehen.

In dieser Situation verweist sie der Engel nach oben. Und tatsächlich: In der Sonnenscheibe erkennen sie den Christus wieder, der ihnen im Spiegel Jesu so vertraut geworden war. Jetzt verstanden sie, dass Christus lebte – ja, dass er immer und ewig schon gelebt hatte. Sein irdischer Leib (der Spiegel) war zerstört, aber sein Geist lebte in Gott. Sie erkannten, dass sie sich selber nun nach der Sonne ausrichten mussten, nicht nach dem Spiegelbild. Sie konnten nun mit Christus, mit Gott selbst direkt in Kontakt treten. Dafür musste Jesus sterben, sein Spiegel zerbrechen. Durch Gottes Geist (durch die Strahlen und die Wärme der Sonne) waren sie mit Christus in Gott vereint.

Anmerkung 1:
Wir sind es gewöhnt, die Einheit vom Vater, Sohn und Geist personal zu verstehen: drei Personen und doch eins. Ursprünglich war aber mit dem lateinischen Begriff „persona“ nicht ein Individuum gemeint, sondern ein Theaterschauspieler, also jemand, der verschiedene Rollen spielte. Im griechischen Theater hieß der Schauspieler „prósopon“ (Gesicht, Maske, Rolle), denn er hatte eine Maske vor dem Gesicht, die einen Schalltrichter besaß. Durch diesen konnte die Stimme durch die Maske dringen. Mit dem Wechsel der Maske wechselte der Schauspieler seine Rolle. Das Wort „prósopon“ wird im Lateinischen mit „persona“ übersetzt. (Obwohl sie ähnlich klingen, sind „prósopon“ und „persona“ wohl etymologisch nicht verwandt.) In „persona“ steckt noch das Verb „personare“, durchtönen, also „durch die Maske sprechen“. Es ging also bei der Trinität ursprünglich nicht um drei Personen (Individuen), sondern um drei „Rollen“ oder „Masken“, durch die hindurch sich der eine Gott offenbart. Diese Vorstellung wird in obigem Gleichnis abgedeckt, weil es sich immer (ob Sonne, uns zugewandte Sonnenseite, Sonnenstrahlen/Wärme, Sonne im Spiegel) um die eine Sonne handelt, die wir nur unterschiedlich erfahren.

Maske1
Griechische Theatermaske

Anmerkung 2:
Oft wird versucht, die Trinität mit den verschiedenen Aggregatzuständen des Wassers zu vergleichen (Wasser, Dampf, Eis). Aber dabei geht die Einheit verloren. Es werden doch wieder drei individuelle, nebeneinander stehende Entitäten daraus. Der Unterschied zum Sonnengleichnis besteht darin, dass beim Wasser das Gleichnis auf das unterschiedliche Wesen der Aggregatzustände abzielt (unterschiedliche Seinszustände), während das Sonnengleichnis auf die unterschiedlichen Funktionen abzielt. Es handelt sich immer um die gleiche Sonne. Es wäre also besser, wenn wir nicht mehr von „drei Personen“ sprächen, sondern von dem einen Gott, der sich in Christus und im Geist offenbart (= durch Christus und durch den Geist „hindurchtönt“).

Anmerkung 3:
„Die uns zugewandte Seite der Sonne“ verbindet die Bibel mit dem Begriff vom „Logos“ bzw. von der „Weisheit Gottes“. Menschen, die die „Weisheit Gottes“ (= die uns zugewandte Seite Gottes) in sich aufnehmen (= als Spiegel reflektieren), nennt die Bibel „Gerechte“. Vgl. dazu den ausführlichen Beitrag „Jesus Christus als Gottes Weisheit“ unter „Bibl. Begriffe“.

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