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Das Leid in der Welt
Hiob 19, 6 – 27


Wenn ich im Gespräch mit Freunden und Bekannten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens komme – und wenn wir dann über Gott sprechen und über die Vergebung und Versöhnung, die uns durch Jesus Christus geschenkt worden ist – dann kommt sehr oft der Einwand: „An Gott glaube ich nicht. Und an einen liebenden himmlischen Vater schon gar nicht. Wie könnte er all das Leid in dieser Welt zulassen?!“

In der Tat ist diese Frage nur zu verständlich: Wie kann Gott dies alles zulassen?! – Ich denke an Flugzeugkatastrophen, an Erdbeben, an Orkane. Immer wieder sehen wir die erschütternden Szenen im Fernsehen. Da werden einerseits Menschen wie durch Wunder gerettet und in ihren Gesichtern stehen Freude und Dankbarkeit. Und dann sind da eben auch die anderen – 
Menschen, die leiden oder sterben müssen, die eben nicht gerettet wurden. Warum eigentlich nicht? Und warum gerade sie nicht?

Oder der Familienvater, der sich morgens fröhlich von Frau und Kindern verabschiedet und durch einen Autounfall mitten aus dem Leben gerissen wird: Welchen Eindruck macht es auf seine Kinder, wenn man ihnen in dieser Situation von einem liebenden, gütigen Gott erzählt?

Und nun gehen wir noch einen Schritt weiter und werden persönlich. Denn alles persönlich erlebte Leid und jede persönliche Lebenskrise lässt alle Katastrophen dieser Welt verblassen. Seien wir einmal ehrlich, was berührt uns mehr: ein eigener Backenzahn, der schmerzt, oder ein Unglück mit hundert Toten in Nordindien?!

Und was ist der hohle Backenzahn im Vergleich zu den persönlichen Krisen in unserem Leben! Haben wir nicht alle schon persönliche Schicksalsschläge und Leid und Schmerz und tief gehende Krisen erlebt? Und wie steht Gott dazu? Wie kann er unser Leid, unseren Schmerz, unsere Lebenskrise zulassen? Warum nimmt er uns nicht die Angst, die Sorge, die Verzweiflung? Warum stürzt er uns überhaupt in Krisen?

Ein Buch in der Bibel, das auf diese Fragen in ganz besonderer Weise eingeht, ist das Buch Hiob. Und vielleicht ist der eine oder andere unter uns, der gerade jetzt in einer Krise steckt oder tiefes Leid durchleben muss. Ihn möchte ich in besondere Weise einladen, die folgenden Gedanken mitzudenken. Hiob, so wird uns erzählt, ist ein untadeliger Mann. Ein rechtschaffener Mann, der Gott fürchtet und das Böse meidet. Und nun geschieht diesem Mann ganz Unbegreifliches. Sein Vieh kommt um oder wird gestohlen, seine Knechte werden von Feinden erschlagen, seine Söhne und Töchter sterben in den Trümmern eines im Sturm zusammenbrechenden Hauses. Aber es kommt noch schlimmer, er wird von Kopf bis Fuß mit bösartigen Geschwüren überzogen, so dass sich selbst seine Frau von ihm abwendet.

In dieser Situation erscheinen drei Freunde bei Hiob, aber sie können ihn nicht trösten. Im Gegenteil, je mehr Hiob mit seinem Schicksal hadert und seine Not herausschreit, desto sicherer sind sie sich, dass diese Strafe Gottes ihren guten Grund haben muss. Es muss, so denken und sagen sie, eine Schuld da sein, eine verborgene Sünde, die Gott so hart bestraft. Aber Hiob bäumt sich auf und schleudert ihnen Sätze entgegen, die einem gläubigen Menschen auch heute noch durchaus eine Gänsehaut vermitteln können:

6 So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat und mich mit seinem Jagdnetz umgeben hat.
7 Siehe, ich schreie »Gewalt!« und werde doch nicht gehört; ich rufe, aber kein Recht ist da.
8 Er hat meinen Weg vermauert, dass ich nicht hinüber kann, und hat Finsternis auf meinen Steig gelegt.
9 Er hat mir mein Ehrenkleid ausgezogen und die Krone von meinem Haupt genommen.
10 Er hat mich zerbrochen um und um, dass ich dahinfuhr, und hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum.
11 Sein Zorn ist über mich entbrannt, und er achtet mich seinen Feinden gleich.
12 Vereint kommen seine Kriegsscharen und haben ihren Weg gegen mich gebaut und sich um meine Hütte her gelagert.
13 Er hat meine Brüder von mir entfernt, und meine Verwandten sind mir fremd geworden.
14 Meine Nächsten haben sich zurückgezogen, und meine Freunde haben mich vergessen.
15 Meinen Hausgenossen und meinen Mägden gelte ich als Fremder; ich bin ein Unbekannter in ihren Augen.
16 Ich rief meinen Knecht, und er antwortete mir nicht; ich musste ihn anflehen mit eigenem Munde
17 Mein Odem ist zuwider meiner Frau, und den Söhnen meiner Mutter ekelt's vor mir.
18 Selbst die Kinder geben nichts auf mich; stelle ich mich gegen sie, so geben sie mir böse Worte.
19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.
20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon.
21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen!
22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?
23 Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift,
24 mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!
25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.
26 Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.
27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Hiob 19, 6 – 27

 Es ist hier nicht der Ort und nicht die Zeit, um diesen Bibeltext oder gar das Buch Hiob in seiner Tiefe auszuloten und auszulegen. Aber ich möchte den Versuch unternehmen, die Situation Hiobs in Verbindung zu bringen mit einem modernen Begriff, dem der KRISE.

Eine Krise nennt man die Situation, in der sich etwas im Leben zuspitzt und beengend wird. Eine Sackgasse tut sich vor uns auf. Man bekommt das Gefühl: Die Zukunft ist nicht mehr offen. „Worauf soll ich denn hoffen?“ ruft Hiob aus. „Mein Geist ist zerbrochen, meine Tage ausgelöscht.“
(Hiob 17,15)

Wer selber einmal eine Krise durchlebt hat – und wer von uns ist denn noch von Lebenskrisen verschont geblieben? – also, wer schon einmal in seinem Leben an einem Punkt war, wo er dachte: „Jetzt geht es nicht mehr weiter“ – der weiß, dass das beherrschende Gefühl in der Krise die Angst ist. Die Angst vor der Zukunft, die Angst davor, dass man die Kontrolle verloren hat, dass man keinen Überblick mehr hat. Dass man ohne den verlorenen Menschen nicht mehr weiterleben kann. Dass man vielleicht sogar am Glauben irre wird.

Eine Krise – und sie braucht nicht so dramatisch und extrem zu sein wie bei Hiob – eine Krise stürzt uns auch immer in Nöte im Hinblick auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. „Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt“ klagt Hiob. Und so ähnlich geht es uns auch, wenn wir eine Krise durchleben. Alle Sicherheiten, auch im zwischenmenschlichen Bereich, scheinen zu zerbröckeln. Am liebsten möchte man sich verkriechen oder gar sterben. Man hat das Gefühl: Es wird nie mehr anders. Und vor allem: Es wird nie mehr besser.

Und nun gibt es in dieser Klage Hiobs zwei Punkte, die uns bei der Bewältigung unserer eigenen Krisen von großer Hilfe sein können. Zum einen ist es der Aufschrei: Gott, wie kannst du dies alles zulassen?!“

Das ist die Frage, so sagte ich am Anfang, die viele vom Glauben scheinbar abhält. Aber beachten wir den kleinen, aber feinen Unterschied: Hiob sagt nicht: „Jetzt glaube ich nicht mehr an Gott, denn wie könnte er dies alles zulassen?“ Vielmehr schreit er Gott an und sagt: „Gott – wie kannst du dies alles zulassen?!! – ich habe doch nichts getan, was diesen deinen Zorn rechtfertigen würde?! Ich bin sicher nicht vollkommen – aber so schlimm bin ich auch nicht, dass du mich schon bei lebendigem Leibe von Würmern auffressen lässt!! Gott, DU TUST MIR UNRECHT! Du hast mich zerbrochen, hast mich zu deinem Feind gemacht, ich, der ich doch dein Freund sein möchte!“

Und so lernen wir von Hiob als Erstes, dass die Krise uns nicht in die Gottlosigkeit stürzen muss, wenn wir das eine glauben können: dass auch unsere Krisen und unser Leid letztlich von Gott herrühren. Wenn wir einmal aufhören würden, uns einen so genannten „lieben Gott“ zu zimmern, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Ein solcher selbstgebastelter Gott ist nicht biblisch und hält den Stürmen und Krisen unseres Lebens nicht stand. Ein Gott, der nicht jedes Leid oder Unglück dieser Welt verhindern könnte, wenn er nur wollte, wäre nicht der Allmächtige, der Schöpfer Himmels und der Erde. Hiob hat ganz recht (und wird von Gott auch nicht eines anderen belehrt): Jede Krise und jedes Leid dieser Welt muss an Gott vorbei, bevor sie uns erreichen. Zugegeben: dieses Wissen ist ein schwacher Trost, wenn wir in der Krise stecken. Dieses Wissen hindert keinen Schmerz und vertreibt auch nicht die Angst. Aber: dieses Wissen lässt uns an Gott festhalten. Trotz unserer Schmerzen;  trotz unserer Angst.

Nun weiß jeder, der den Anfang des Buches Hiob gelesen hat, dass es nicht Gott selber ist, der Hiob mit Unglücksschlägen und Krankheit heimsucht. Es ist Satan, der hier als Ankläger, als Anwalt des Zweifels und des Neides auftritt. „Dieser Hiob“, so spricht er zu Gott, „dieser Hiob ist doch nur deshalb so fromm, weil du ihn reich gesegnet hast. Wenn es ihm schlecht ginge, würde er dich doch sofort verleugnen.“ Was erwidert der Herr? „Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht.“ (Hiob 1,12) Da nutzt Satan den Freiraum. den Gott ihm gewährt, um Hiob zu versuchen. Er nimmt ihm Hab und Gut, selbst seine Kinder. Da ist Hiob noch in der Lage zu sagen: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.“ (1,21)

Und wieder tritt Satan vor Gott und sagt: Ja, wenn es nur um Äußeres geht, da bleibt Hiob fromm. Aber mache ihn krank, „taste sein Gebein und Fleisch an“, (2,5) so würde er dich sofort verleugnen. – Und was erwidert der Herr? „Siehe da, er sei in deiner Hand, nur sein Leben verschone.“ (2,6) Und nun schlägt Satan den guten Hiob mit Krankheiten und Geschwüren – und zwar so, dass es vorbei ist mit Hiobs Gotteslob! So, dass er aufschreit, aufbegehrt! So, dass er Gott vor Gericht ziehen möchte: „Mein Gott, wie kannst du das alles zulassen?!“

Wer den Anfang des Buches Hiob genau liest, wird feststellen, wie berechtigt diese Frage ist. Satan handelt in keiner Weise selbständig. Er ist auch nicht derjenige, der das Thema Hiob als Erster zur Sprache bringt. Es ist der Herr selber, der immer wieder Satan herausfordert: „Sag, kennst du meinen Knecht Hiob?“ fragt er Satan. „Auf Erden gibt es nicht seinesgleichen. Keiner ist so fromm und gottesfürchtig wie er.“ (1,8) Und erst auf diese Frage bringt Satan seine Einwände vor. Nein, die Frage des Hiob ist ganz berechtigt: „Du bist es, Gott, der mich versucht, du bist es, der mich schlägt. Mein Gott, wie kannst du das alles zulassen?!“

Und noch eines: Hiob kennt ja das ganze Vorspiel im Himmel nicht. Er weiß nichts von dem Handlungsspielraum, den Gott Satan einräumt. Er weiß nur eines: Seine ganze Hoffnung, sein ganzes Leben, seine Zukunft, sein Denken und Planen, alles hat er auf eine Karte gesetzt, und diese Karte heißt Jahwe, heißt Gott Zebaoth, heißt Herr und Gott Vater im Himmel. Und nun scheint es so, dass diese Karte nicht mehr sticht. Nun scheint es so, dass ihn dieser Gott im Stich gelassen hat, dass er sich von ihm abgewendet hat, ja, dass er sein Feind geworden ist. In eine größere Krise kann ein Mensch kaum geworfen werden.

Das  wünsche ich mir und uns: Dass wir in unseren Krisen, in unserem manchmal scheinbar so unnötigen Leiden so lange es geht noch sagen können:

Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.

Und dann wünsche ich mir und uns auch das andere: Dass, wenn wir zu dieser Geduld, zu dieser Langmut und zu diesem Gottvertrauen nicht mehr finden – weil es zu viel wird, was uns Gott aufträgt, weil es Heuchelei wäre, Gott in unserem Verlust oder in unserem Schmerz zu loben und zu preisen – dass wir dann – wie Hiob – die Kraft haben, uns aufzubäumen und zu schreien: „Mein Gott, warum tust du mir das an?!“

Dass unser Leid, unsere Krisen letztlich von Gott ausgelöst werden, dieses Wissen, ich sage es noch einmal, lindert keinen Schmerz und vertreibt auch keine Angst. Aber: dieses Wissen lässt uns an Gott festhalten. Trotz  unserer Schmerzen, trotz unserer Angst.

Und damit komme ich zum zweiten und letzten Punkt, den ich mit Ihnen heute bedenken möchte.

Der erste war: Gott ist der Urheber allen Lebens und auch allen Leidens. Wer das glauben kann, der mag mit Gott hadern, der mag an Gottes Güte zweifeln, aber er wird an Gott festhalten.

Und das Zweite  nun: Gott ist nicht nur im Letzten  der Urheber unserer Krisen, er ist schon von Anfang an auch unser Erlöser, derjenige, der uns unsere Krisen überwinden lässt und uns an unseren Krisen reifen lässt und uns in unseren Krisen zum Vorbild macht für die Menschen, die nicht glauben oder nicht akzeptieren können, dass Gott dies alles zulässt.

Am Ende unseres Textes in Hiob 19, nach allem Aufbegehren des Hiob, schleudert er noch einige Sätze heraus, die wahrhaft prophetisch sind, die man nicht erwartet und die er eigentlich auch gar nicht sagen können dürfte:

Ja, sagt er, Gottes Zorn ist zwar über mir und was er jetzt mit mir macht, begreife ich nicht und ich empfinde es als ungerecht; aber – und jetzt kommt es: – „ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ (19,25 - 27)

Haben Sie sowas vielleicht auch schon erlebt? Dass sie am Ende waren, verzweifelt, mutlos, und dass Ihnen dann dieses Wunder geschenkt wurde, dieses „Dennoch“ des Glaubens“? Wer selber nicht an Gott glaubt, der wird es nicht mehr verstehen können, wie das möglich ist.

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“: Das hebräische Wort goël bedeutet soviel wie „Anwalt“, „Bürge“, „Retter“. Hiob bekommt diese für uns fast widersinnige Erkenntnis geschenkt: Dass derjenige, der im Letzten  für sein Leid verantwortlich ist, auch sein Retter, sein Erlöser sein wird. Und damit ist auch eine Ahnung von einer Wahrheit verbunden, die zur Zeit Hiobs revolutionär, wenn nicht gar gotteslästerlich war: Wenn nämlich der Urheber unserer Krisen gleichzeitig unser Erlöser ist – dann muss alles Leid dieser Welt einen tieferen, verborgenen Sinn haben. Wenn wir nicht Spielball der Natur und des Zufalls sind, sondern Geschöpfe eines Gottes, der uns in Krisen stürzt und uns wieder heraushilft – dann gehören Krisen und Leid und Schmerz sinnvoll zur Schöpfungsordnung dazu, auch wenn wir sie nicht verstehen.

Aber welchen Sinn könnte denn das Leid haben, das Hiob widerfährt? Warum weist Gott Satan auf Hiob hin? Warum lässt Gott das alles zu? Hiob – und auch wir – bekommen auf diese Fragen keine Antwort. Allerdings: das eine wird Hiob geschenkt: Gottes Gegenwart, die ihn erkennen lässt, dass er zu klein ist für diese Fragen und dass es sein begrenzter Verstand nicht fassen kann.

Dazu nur eine kleine Illustration:

Was würde wohl ein Ureinwohner Australiens denken, wenn er zum ersten Mal in seinem Leben eine moderne Klinik besuchen könnte? Vielleicht ginge er zurück mit dem Eindruck, die Ärzte in ihren weißen Kitteln wären besonders grausam, weil sie Leiber aufschneiden und Menschen scheinbar bewusst quälen. Und doch sind unsere Krankenhäuser Orte  der Hilfe und der Heilung. Wenn wir Menschen untereinander schon zu solchen Fehlschlüssen kommen können – wie viel größer ist die Möglichkeit, dass wir Gott und das Leid dieser Welt gründlich missverstehen. Dies ist nur eine sehr unvollkommenes Beispiel, gewiss. Und doch kann es uns eine Ahnung unserer Begrenztheit geben. In 1. Kö 8,27 steht:
„Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen, o Herr.“

So bleibt uns – wie Hiob – nur das eine: an Gott festzuhalten auch in der Krise – und Gott kann es uns schenken ( – und er muss es uns schenken, denn aus uns heraus haben wir es nicht – ) dieses Dennoch des Glaubens, das in den Satz mündet: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Das rabbinische Judentum hat schon früh in diesem Erlöser, in diesem Anwalt den Messias gesehen. Deshalb darf ich zum Schluss mit gutem Recht auf die Passion Jesu verweisen. Vieles in der Passion Jesu ähnelt dem Leiden Hiobs. Hier ist noch weit mehr als bei Hiob ein Unschuldiger, dem Gott schwerstes Leid zumutet; und wie Hiob, so schreit auch unser Herr am Kreuz auf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Mit dem Leiden Jesu am Kreuz, mit dem Leiden des erklärten Gottessohnes, zeigt uns Gott, dass er sich selber mit dem Leid dieser Welt identifiziert: dass er als der Urheber des Leids an dieser Welt mitleidet.

Mit Jesu Auferstehung zeigt uns Gott, dass unser Erlöser lebt, dass ein nach menschlichen Maßstäben gescheitertes Leben einen tiefen Sinn haben kann. Was bei Hiob eine prophetische Ahnung war, in Jesu Sterben und Auferstehen wurde es zur Gewissheit: unser Erlöser lebt.

Die Freunde Hiobs konnten ihm keinen Trost spenden. Sie konnten nach damaliger Anschauung nur vermuten, dass Hiob eine große Schuld auf sich geladen haben musste, für die ihn Gott bestrafte.

Ob wir Christen den Freunden Hiobs nicht eine Erkenntnis voraus sind, die ihm ein wenig hätte helfen können?

Hiob:   Wir wissen nicht, warum du so leidest. Wir können das glauben, dass es nicht deine persönliche Schuld ist.

Hiob:   Wir kennen jemanden, der musste noch viel mehr leiden als du. Auch war er noch unschuldiger als du.

Hiob:   Er trug nicht seine persönliche Schuld, sondern die Schuld der ganzen Welt. Aber Gott hat sich trotzdem und gerade deshalb zu ihm bekannt. Er hat ihn auferweckt von den Toten.

Hiob:   Dein Erlöser lebt! Und du hast recht: es wird die Zeit kommen, in der du deinen Erlöser mit eigenen Augen sehen wirst. Dann werden alle Tränen abgewischt werden und deine Traurigkeit wird sich in Freude verwandeln. Bis dahin wollen wir mit dir trauern. Wir wollen dir zuhören und dir keine gut gemeinten und doch so falschen Ratschläge geben. Wir wollen zugeben, dass wir auch nicht wissen, warum Gott das alles zulässt. Wir wollen mit dir dein Leid vor Gott bringen und es ihm klagen.

Ach Herr: schenke uns doch das Dennoch des Glauben, auch wenn wir nicht verstehen. Schenke uns in unser Fragen und Zweifeln hinein die Gewissheit, die uns mitsamt unseren Fragen und Zweifeln trägt: die Gewissheit, dass unser Erlöser lebt, dass du da bist, auch im Leid, auch in der Krise, in den scheinbaren Sackgassen unseres Lebens.

Herr, wir möchten dich sehen, dich erfahren, danach sehnt sich unser Herz in der Brust.

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