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Biblische Begriffe (1): LIEBE

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften (5. Mo. 6,4-5) … und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3. Mo 19,18).

Das deutsche Wort „Liebe“ wird meistens als besonders intensive Form der Zuneigung verstanden, hat also vor allem mit Gefühlen zu tun. Das hebräische Wort „Liebe“ hingegen beschreibt keinen Gefühlszustand, sondern ein zielgerichtetes Handeln. Das ist ein großer Unterschied und hat große Auswirkungen.

Unsere Sprache ist geprägt von griechischer Philosophie, griechischer Kultur und Literatur. Dieses griechische Denken sieht die Welt ganz anders als das hebräisch-orientalische Denken. Deshalb fällt es uns oft sehr schwer, den ursprünglichen biblischen Glauben zu entdecken. Dieser Glaube hat sich durch die Berührung mit dem griechischen Geist verändert. Das Ergebnis war eine vom griechischen Denken geprägte christliche Theologie. Es ist das große Verdienst von Thorleif Bomann, diese Bedeutungsverschiebungen besonders prägnant herausgearbeitet zu haben („Das hebräische Denken im Vergleich mit dem griechischen“, Göttingen, 1952).

Wie Bomann deutlich macht, waren im griechischen Denken Wörter Ausdruck von Gedanken (so auch bei uns im Deutschen), während im alten Orient Wörter nicht statisch, sondern dynamisch waren. Sie „besaßen“ nicht nur Macht, sondern „waren“ dynamische Mächte. Folglich kennt das hebräische Denken auch kein in sich ruhendes Sein, sondern immer nur ein Werden, ein Wachsen, ein Geschehen.

Ein schönes Beispiel ist das hebräische Wort „qum“. In Jes. 40,8 steht: „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ “Qum“ wird hier mit „bleibt“ übersetzt, im Deutschen ein statisches Wort. „Qum“ heißt aber „aufstehen“. Gottes Wort „macht“ also das Gegenteil von Verwelken. Es „bleibt“ nicht, sondern es „steht auf“. Die Pflanze fällt in sich zusammen (das ist kein Zustand, sondern ein „Tun“); umgekehrt das Wort Gottes – es steht auf, es wächst, es „tut“, es wirkt.

Kommen wir nun zurück zu dem Wort „Liebe“. Nehmen wir an, ein Mann am Frühstückstisch, zeitungslesend, sagt zu seiner Frau: „Ich liebe dich.“ Das ist im Deutschen vorstellbar, denn „Liebe“ ist ein Zustand. Warum soll der Mann beim Zeitungslesen keine liebevollen Empfindungen seiner Frau gegenüber haben? – Im Hebräischen wäre dies ganz ausgeschlossen, weil „Liebe“ eine Tätigkeit, ein Tun, eine wirkungsvolle Kraft ist. Der Hebräer würde sagen: Man kann nicht gleichzeitig Zeitung lesen und seine Frau lieben.

Es gibt im Deutschen ein Wort, das dem hebräischen Wort „Liebe“ sehr viel näher steht, nämlich das Wort „Zuwendung“. In der Zuwendung liegt ein zielgerichtetes Handeln, wie es im ersten Absatz dieser Überlegungen postuliert worden ist. Stellen wir uns vor, der Mann in unserem Beispiel würde die Zeitung lesen und dabei seiner Frau sagen: „Ich wende mich dir zu.“ Jetzt wird der Widerspruch deutlich, den der Hebräer beim Satz „Ich liebe dich“ spürt.

Übertragen auf die eingangs zitierten Bibelstellen hieße das: „Wende dich Gott mehr zu als allem anderen.“ Und Nächstenliebe hieße: „Schenke deinem Nächsten so viel Zuwendung wie dir selbst.“ In anderen Worten: „Wende dich deinem Nächsten zu. Schaue auf seine Bedürfnisse. Er hat ein Lebensrecht wie du. So wie du Anstrengungen unternimmst, zu essen und zu trinken zu haben, so sollst du darauf achtgeben, dass dein Nächster zu essen und zu trinken hat. Bereichere dich also nicht auf Kosten deines Nächsten.

Diese Sichtweise ist auf der einen Seite entlastend und stellt uns auf der anderen Seite vor große Herausforderungen.

Entlastend ist diese Sichtweise deshalb, weil meine Zuwendung nicht von meinen Gefühlen gesteuert sein müsste. Ich muss meinem Nächsten nicht um den Hals fallen. Ich muss ihn nicht einmal sympathisch finden. Das ist in unserer Definition von Liebe fast unmöglich: Jemanden unsympathisch finden und ihn trotzdem zu lieben! Aber ich kann mich Menschen, die mich brauchen, zuwenden, auch wenn sie mir unsympathisch sind. Ja selbst meinen Feinden kann ich ein Lebensrecht zubilligen. Ich kann mich ihnen zuwenden und Bedingungen schaffen, die auch Lebensraum und Luft zum Atmen lassen.

Darin liegt nun andererseits die große Herausforderung: dass die Nächstenliebe in biblischer Sicht kein Gefühl ist und auch kein Zustand, sondern Zuwendung. Nicht umsonst sprechen wir von „tätiger“ Liebe. Nach hebräischem Denken ist Liebe immer nur dann Liebe, wenn sie tätig ist.

Jesu Beispiel vom barmherzigen Samariter macht diese Sicht besonders deutlich. Der Samariter, der den Verletzten auf der Straße findet, „liebt“ ihn, indem er ihm pflegerische Obhut zuteilwerden lässt. Vermutlich konnte er ihn emotional gar nicht lieben – nicht nur, weil Juden und Samariter sich in aller Regel nicht gut leiden konnten, sondern auch, weil er ihn ja gar nicht näher kannte. Aber unabhängig von seiner Gefühlslage konnte er sich ihm zuwenden.

Es fällt auf, dass in 1. Kor. 13, wo Paulus fast hymnisch die Liebe beschreibt, er dies mit Tätigkeitswörtern tut: Die Liebe „erträgt“, „glaubt“, „hofft“, „duldet“, „freut sich“, „verhält sich“, „sucht“, auch hier hat das Tun Vorrang vor dem Gefühl.

Luther, der ein ausgesprochen feines Sprachgefühl hatte und die hebräische Sprache sehr gut kannte, versucht immer wieder, das tätige an der Liebe in seine Bibelübersetzung einfließen zu lassen: „der Liebe pflegen“ (1. Mo. 18,12), „dass du Liebe an mir tust“ (1. Mo 4a7,29), „Liebe erweisen“ (Ps. 109,5), „in Seilen der Liebe gehen“ (Hos. 11,4), „Liebe ausgießen“ (Rö. 5,5), „nach der Liebe handeln“ (Rö. 14,15).

Gefühle lassen sich fast nie steuern. Liebevolle Gefühle sind nicht auf Knopfdruck abrufbar. Das biblische Liebesgebot zielt jedoch nicht auf unser Gefühl, sondern auf unseren Willen. Tätige Liebe im Sinne von Zuwendung und der Frage nach den legitimen Bedürfnissen meines Nächsten ist immer machbar.

Anmerkung 1
Das Prinzip gilt auch für den Gegenbegriff der Liebe, den Hass. „Hassen“ löst im Deutschen eine fast noch stärkere emotionale Reaktion aus wie „lieben“. Im Hebräischen wäre der Gegenbegriff: sich abwenden, also wieder eine Willensentscheidung, kein Gefühl. Vgl. Rö. 12,13: „Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst“ = „Jakob habe ich mich zugewandt, von Esau habe ich mich abgewandt.“

Anmerkung 2
Die Erkenntnis, dass der Hebräer kein statisches Sein kennt, sondern immer nur ein dynamisches Werden (s.o.), bietet uns einen Schlüssel für ein ganz anderes Bibelwort, das ohne diese Erkenntnis fast unsinnig erscheinen muss. Als Jahwe Mose zurück nach Ägypten schickt, um sein Volk aus der Sklaverei zu führen, fragt Mose: Was soll ich sagen, wenn ich gefragt werde, wer mich schickt? Wie ist sein Name? Und Jahwe antwortet: „Ich bin, der ich bin“ (2. Mo. 2,14). Das ist für den griechisch Denkenden an Statik nicht zu überbieten. Dynamisch übersetzt könnte es heißen: Ich bin und werde immer sein: der Tätige, der Schöpfer, der Wirksame, der Handelnde. Ich bin, der ich bin – Ich bin der Schaffende, der alles schafft. Deshalb kann und werde ich mein Volk in die Freiheit führen.

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